Ernst Wilhelm Overmann war ein Hamburger Plantagenbesitzer und Menschenhändler in Puerto Rico. Seine Brüder und Cousins verdienten ihr Geld auf St. Thomas und in Puerto Rico mit dem Betrieb von Zuckerplantagen und dem Kauf und Verkauf von versklavten Menschen. Einer von ihnen kehrte Mitte des 19. Jahrhunderts nach Hamburg zurück. Die Overmanns sind eine von vielen Familien von Kaufleuten, deren Tätigkeit eng mit der Plantagen- und Versklavungsökonomie in der Karibik des 19. Jahrhunderts verknüpft waren.
Als der Hamburger Ernst Wilhelm Overmann 1830 nach Puerto Rico ging, folgte er bereits einer langen Tradition seiner Brüder und Cousins. Sein deutlich älterer Bruder Ferdinand war um 1815/16 zunächst als Geschäftsmann auf die Karibikinsel St. Thomas gezogen, bald jedoch nach Puerto Rico übergesiedelt, wo er spanischer Untertan wurde. Auch seine Cousins Christian Friedrich, Gustav Adolph und Richard gingen in die Karibik, wobei Letztere beide jung starben.[1]
Anders jedoch sah es für Ferdinand und Christian Friedrich Overmann aus: Beide erwarben in Puerto Rico große Zuckerplantagen, sogenannte Haciendas, mit hunderten von Versklavten. Christian Friedrich Overmannn hatte zuvor bereits auf St. Thomas die Plantage Havensigt erworben. Die Hamburger Firma Merck & Co besaß in späteren Jahren eine Hypothek auf seine in wirtschaftliche Schwierigkeit geratene Plantage Henrietta (bzw. Enriqueta).[2] Doch Familienmitglieder verdienten nicht nur Geld durch die Ausbeutung versklavter Arbeiterinnen und Arbeiter, sondern beteiligten sich auch aktiv am transatlantischen und inneramerikanischen Handel mit versklavten Menschen: Ferdinand Overmann etwa erhielt in den 1820ern eine Sondergenehmigung des spanischen Königs und verschleppte mehrere Hunderte Menschen aus Westafrika nach Puerto Rico.
Deckblatt der Vormundschaftsakte für Ernst Wilhelm Overmanns Kinder, StH 232-1 Serie II 7030
Als Ernst Wilhelm Overmann 1830 ebenfalls in die Karibik ging, war der Sklavenhandel bereits von den meisten europäischen Nationen offiziell unterbunden; auch Hamburg unterzeichnete 1837 ein Verbot des Sklavenhandels. Demungeachtet organisierte Ernst Wilhelm Overmann in den 1830ern, zuletzt nachweislich 1839, mit jeweils einem oder mehreren Geschäftspartnern sogenannte „Sklavenhandelsfahrten” nach Westafrika. 1839 etwa kaufte er 270 verschleppte westafrikanische Frauen, Männer und Kinder auf, die er an puerto-ricanische Plantagen weiterverkaufte.[3] Eintragungen in der Passagierprotokollen von St. Thomas legen zudem nahe, dass Mitglieder der Familie Overmann mehrfach kleinere Gruppen versklavter Menschen nach Puerto Rico verbrachten. Zum Teil hatten sie diese Menschen erst kurz zuvor erworben.[4]
Einige Jahre später zog Ernst Wilhelm Overmann, der zu diesem Zeitpunkt auch Anteile an einer Zuckerplantage besaß, zurück nach Hamburg. Hier wohnte er zunächst in der Böckmannstraße und zog später mit seiner Familie in die heutige Adenauerallee.[5] Trotz eines Hamburger Gesetzes von 1837, das die Beteiligung am Versklavungshandel unter Strafe stellte, wurde er dort nicht belangt. Vor seinem Tod im Jahre 1867 kehrte Overmann erneut nach Puerto Rico zurück, seine Frau und zwei Kinder, Clara Lind und Adolph Mathias, verblieben in Hamburg. Möglicherweise gingen die Geschäfte Overmanns am Ende nicht mehr gut: Seine Kinder jedenfalls hofften auf ein Erbe ihre reichen Onkels, Ferdinand Overmann, der sich kinderlos in Bordeaux niedergelassen hatte.[6] Die Verbindung nach Bordeaux wiederum war kein Zufall: Schon 1783 hatte von hier ein Overmann, mutmaßlich der Großvater der hier beschriebenen Generation, zusammen mit einem Geschäftspartner eine sogenannte “Sklavenfahrt” finanziert.[7] Der Handel mit Menschen hatte bei der Familie Overmann gewissermaßen Tradition.

St. Thomas, Dansk Americansk Ø (Auschnitt), um 1846. Der Ausschnitt einer Karte von 1846 zeigt farblich hervorgehoben [Hervorhebung durch mich, A.B.] die Plantagen Carolinas Lyst, Havensigt, Rosendahl & St. Joseph, Canaan & Sherpenjewell, Eensomhed [Ensomhed], Lövenlund sowie Musquitobay [Musquittobay], die Personen aus dem Hamburger Raum, darunter Overmannn und Schön gehörten.
Obwohl der Fall der Overmanns ein Extrembeispiel ist, denn nur selten lässt sich für Hamburger Kaufleute Menschenhandel in einem so großen Stil nachweisen – stehen sie in anderer Hinsicht exemplarisch für eine Generation von Kaufleuten aus der Hamburger Region und aus Bremen, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert in der Karibik tätig waren.[8] Zu ihnen gehörte etwa Christian Friedrich Overmanns Geschäftspartner und späterer Reeder August Joseph Schön sowie die Kaufleute Carl Ludwig Daniel Meister und Johann Heinrich Köster. Viele von ihnen ließen sich in der Freihafenstadt Charlotte Amalie auf St. Thomas nieder und besaßen dort und auf ihren Landsitzen zumeist auch versklavte Menschen. Andere gingen nach Puerto Rico oder ans südamerikanische Festland. Nicht selten heirateten sie in die plantagenbesitzende Elite der Region ein.
Einige hatten nach ihrer Rückkehr in Hamburg herausgehobene Position inne, etwa als Präsides der Commerzdeputation (Meister und Schön), Stifter (Köster) und Besitzer prunkvoller Villen und Landhäuser (Köster und Schön).[9] Die finanziellen und gesellschaftlichen Auswirkungen dieser engen Verflechtungen mit der Plantagen- und Versklavungsökonomie in der Karibik sind für den Hamburger Raum bislang nur in Ansätzen erforscht.
Fussnoten:
[1] Vgl. Charles Theodore Overman, A Family Plantation. The History of the Puerto Rican Hacienda ‘La Enriqueta’, San Juan, Puerto Rico 2000. S. 31.
[2] Eine englischsprachige Version dieses Eintrags ist erschienen in Annika Bärwald/Sarah Lentz, German Slavery and Its Legacies: On History, Activism, and a Black German Past, in: Stephan Conermann/Claudia Rauhut/Ulrike Schmieder/Michael Zeuske (Hrsg.), Cultural Heritage and Slavery. Perspectives from Europe, Berlin/Bonn 2023, S. 303–332, hier S. 311–314. Viele der Angaben zur Familie Overmann entstammen der genealogischen Arbeit Charles Overmans: Charles Theodore Overman, A Family Plantation. The History of the Puerto Rican Hacienda ‘La Enriqueta’, San Juan, Puerto Rico 2000.
[3] Vgl. Francisco Antonio Scarano, Sugar and Slavery in Puerto Rico. The Plantation Economy of Ponce, 1800 – 1850, Madison, Wis. 1984. S. 131f.
[4] Vgl. Dänisches Nationalarchiv, 689 St. Thomas Politikontor 14.10.6 Pasprotokoller for bortrejsende (1828–1830), fol. 214, 215; ebd. 14.10.7-8, (1830–1834), fol. 235, 375f.
[5] Im Hamburger Adressbuch wird Overmann ab 1853 als in der Böckmannstr. 54 wohnend geführt. Vgl. Hamburgisches Adreß-Buch für Jahr 1853, S. 239.
[6] Vgl. Vormundschaftsakte für Ernst Wilhelm Overmanns Kinder, StH 232-1 Serie II 7030.
[7] Vgl. Éric Saugera, Bordeaux port négrier. Chronologie, économie, idéologie, XVIIe – XIXe siècles, Biarritz 1995. S. 233, 270. Siehe auch die noch unveröffentlichte Dissertation von Annika Bärwald (Bremen, 2026).
[8] Zu Bremer Verbindungen in die Karibik siehe Jasper Henning Hagedorn, Bremen und die atlantische Sklaverei: Waren, Wissen und Personen, 1780–1860, Baden-Baden 2023.
[9] Zu Schön siehe ausführlicher Sophia Aubin/Annika Bärwald, Made in the Caribbean 2024, https://www.dekoloniale.de/de/map?kind=stories&view=gallery#%E2%80%9EMade%20in%20the%20Caribbean%E2%80%9C:%20Die%20Familie%20Sch%C3%B6n
Hamburger Plantagenbesitzer und Menschenhändler