Tanja Aminata Bah (sie/ihr/keine) ist Kuratorin, Historikerin und Geschichte(n)erzählerin. Nach ihrer internationalen Ausbildung in Köln, Helsinki und Bristol arbeitete sie für verschiedene Museen in Hamburg. Bis Oktober 2025 war sie Referent*in für das Projekt "360° Fonds für die Kulturen der neuen Stadtgesellschaft" im Altonaer Museum.
In ihrer Praxis interessiert sie sich für kreative Zugänge zu Geschichte durch Storytelling, Gaming und partizipative Methoden. Einer ihrer thematischen Schwerpunkte liegt in der lokalgeschichtlichen Erforschung von Biographien Schwarzer und anderer marginalisierter Menschen, sowie in der kritischen Aufarbeitung kolonialer Verflechtungen.
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„Viele von ihnen haben ähnliche Kämpfe geführt wie Menschen heute – etwa um Anerkennung, Sichtbarkeit oder politische Mitsprache.”
„Viele von ihnen haben ähnliche Kämpfe geführt wie Menschen heute – etwa um Anerkennung, Sichtbarkeit oder politische Mitsprache.”
Interview: Anke Schwarzer, 2026
Welche Orte und Räume in Hamburg kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die koloniale Geschichte und die dekoloniale Gegenwart denken?
Mir fällt eine ganze Menge ein, wenn ich über Hamburg und die koloniale Vergangenheit denke. Aber vor allem fällt mir auf, dass es eine Lücke zwischen dem historischen Wissen um das Thema herum und den Menschen da draußen, also Hamburgerinnen und Hamburgern, gibt. Und dann sehe ich noch einmal eine Lücke zwischen dem historischen Wissen, das institutionalisiert ist, und dem historischen Wissen, das noch in Archiven schlummert oder das sich Gruppen erarbeitet haben. Diese eklatanten Lücken sind es, die es sich zu schließen lohnt. Das Zweite, was mir immer einfällt, wenn ich über Hamburg und Kolonialismus nachdenke…
Darf ich an dieser Stelle einhaken? Könnten Sie die Lücken bitte etwas genauer beschreiben?
Kann ich machen. Im institutionalisierten Diskurs, wenn wir zum Beispiel über unsere Museen nachdenken oder andere Gedenkorte ansehen, wirkt Hamburgs Rolle in der kolonialen Geschichte sehr klein. Und man versteckt sich hinter dem Satz: „Wir wissen es nicht so genau“. Allerdings gibt es viele Quellen, die Hamburg eine starke Verflechtung mit den kolonialen und generell ungerechten Handelsbeziehungen ab dem 17. Jahrhundert zurechnen. Und diese sollte und müsste man auch analysieren. Eine weitere Lücke sehe ich darin, dass von dem Wissen, das in den Institutionen bereits zum Thema erforscht oder auch schon von Akteur*innen postkolonialer Initiativen sowie engagierten Einzelpersonen aufgearbeitet wurde, nur wenig zu anderen Hamburger*innen durchgedrungen ist. Ich spreche immer wieder mit Menschen über Kolonialismus und Hamburg, die nicht aus dem „Geschichtsthema“ und auch nicht aus einem postkolonialen Aktivismus kommen. Dabei stelle ich häufig fest, dass sie zwar ihr ganzes Leben lang hier verbracht haben, aber noch nichts über Hamburgs Beteiligung am kolonialen Handel und dem transatlantischen Menschenhandel wissen. Und das finde ich bemerkenswert. Es fehlt uns an Wissensreproduktion und Vermittlung.
Wie erklären Sie sich diese Wissenslücke?
Ich glaube, dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist, dass es in den letzten 50 bis 100 Jahren sehr wenig politischen Willen und noch viel weniger Finanzierung gab, die koloniale Geschichte flächendeckend aufzuarbeiten. Und deshalb fehlt das Wissen häufig in den Institutionen. Erst in den letzten zehn bis 20 Jahren ist in der Mehrheitsgesellschaft und ihren Institutionen überhaupt ein Unrechtsbewusstsein gegenüber kolonialen Handelsbeziehungen, kolonialen Verflechtungen im Generellen, aber auch gegenüber Kolonialismus in unserer Sprache und Kultur in Deutschland entstanden. Ein weiterer Grund ist vielleicht auch, dass es wahnsinnig unangenehm ist, insbesondere mit dem Hintergrund der NS-Geschichte, jetzt „auch noch“ den Kolonialismus aufzuarbeiten. Für manche mag es auch eine Überforderung sein, sich multiperspektivisch mit den kolonialen Verflechtungen auseinanderzusetzen. Und man will sich vielleicht auch nicht damit beschäftigen, weil der eigene Reichtum auf den kolonialen Verstrickungen basiert, ebenso die eigene Sprache, die eigene Kultur, die eigene Logik. Und dann sehe ich noch einen dritten Grund: Es gibt noch zu wenige Wissenschaftler*innen in Institutionen, die gut im Thema ausgebildet sind, um Archivfunde, Objekte und Wissensschätze rassismus- und kolonialkritisch kontextualisieren zu können.
Dann schließt sich die große Frage an, wie sich diese von Ihnen beschriebenen Lücken schließen und Multiperspektivität herstellen lassen?
Das ist eine gute Frage und auch eines meiner Lieblingsthemen. Als freiberufliche Kuratorin und Historikerin brauche ich Geschichten und Informationen, die ich für andere Interessierte aufbereite. Über koloniale Verflechtungen kann man in Führungen, Vorträgen, Workshops informieren, aber auch über das stadtweite Engagement der vielen Initiativen und das Hören von kolonialkritischen Stimmen, die schon aktiv sind, denn es gibt bereits eine ganze Menge an dekolonialen Aktivitäten. Diese Stimmen werden nur oft überhört oder nicht gut finanziert. Ein sehr wichtiger Punkt für mich ist, dass die Informationen und Geschichten verstehbar bleiben – auch in ihrer Komplexität. Sie sollten nicht nur in einem Täter-Opfer-Narrativ enden. Es ist eine große Herausforderung als Person, die Bildungsarbeit macht, kein einseitiges Bild von Kolonialismus zu erzählen. Es würde nicht der Multiperspektive und insbesondere nicht den Geschichten Schwarzer Menschen gerecht werden.
Könnten Sie bitte an einem Beispiel erläutern, wie Sie bei der Recherche und Vermittlung vorgehen, um eine Schwarz-Weiß-Malerei zu vermeiden?
Für mich ist bei der Recherche am allerwichtigsten, zunächst einmal zu sehen, wo es überhaupt Spuren gibt, zum Beispiel von einer Schwarzen Person, die während der Kolonialzeit in Hamburg gelebt hat. Ist das ein Archiv? Sind es orale Überlieferungen? Gibt es Kartenmaterialien? Ich schaue mir die Quellenlage an. Und dann versuche ich die Person und ihre Lebensgeschichte in ihrer Komplexität wahrzunehmen. Wenn ich sie nach außen kommuniziere, dann breche ich sie nicht auf einen vermeintlichen „Held*innenmythos“ herunter und behandele auch nicht nur Spuren, die aus einer einzigen Perspektive kommen. Einige Leitfragen für mein Kerngebiet sind: Was hat die Person noch alles gemacht? Welches Alltagsleben hatte die Person? Wie hat sie mit der weißen Mehrheitsgesellschaft jener Zeit interagiert? Am Ende der Recherche zeigt sich meistens, dass Menschen nie nur ein einziges Bild darstellen. Viele Schwarze Menschen haben gegen koloniale Strukturen gekämpft, mussten aber auch mit ihnen interagieren. Dabei hatten einige mehr Handlungsspielraum und Privilegien als andere. Egal, ob das der große öffentlichkeitswirksame Kampf gegen die staatlichen Institutionen und Rassismus war, der in allen Tageszeitungen stand, wie der Kampf von Mpundo Akwa vor Gericht in Altona oder auch die kleineren Alltagskämpfe um Teilhabe von anderen Schwarzen Menschen in Deutschland. Ich versuche immer, eine menschliche Komponente reinzubringen, wenn ich diese Information dann vermittle. Wir sind nicht nur A oder B, wir sind ganz vieles und das ist super wichtig.
Könnten Sie das bitte am Beispiel von Mpundo Akwa weiter skizzieren?
Ich muss eine Sache vorausschicken: Wir wissen immer nur Bruchstücke aus dem Leben dieser Menschen. Für mich ist es eine Art Empowerment, über Schwarze Menschen zu recherchieren, die vor mir in Deutschland gelebt haben. Ihre Erfahrungen mit der Gesellschaft vermittle ich auch durch meine Perspektive. Vermutlich kam er bereits in den 1890er-Jahren nach Deutschland, um hier eine Ausbildung zu erhalten. Er war der Sohn des kamerunischen Herrschers Dika Mpundo Akwa. Zusammen mit zwei weiteren Königshäusern war er einer der führenden Vertreter der Duala in Kamerun. Die Familien Bell und Akwa waren Unterzeichner des ersten sogenannten „Schutzvertrags“ mit dem Deutschen Reich in 1884.
Sein Vater schickte ihn vermutlich nach Deutschland, damit er die deutsche Sprache und Kultur kennenlernt. Ziel war es vermutlich, dass er später auf Augenhöhe mit deutschen Kolonialbeamten und Politikern verhandeln können sollte. Mpundo Akwa sollte als Vermittler auftreten und die Interessen seines Vaters vertreten. Während seines Aufenthalts in Deutschland besuchte er mit Unterstützung verschiedener Förderer mehrere Schulen an unterschiedlichen Orten im Deutschen Reich und kehrte dann wieder nach Kamerun zurück. 1902 reiste er erneut, dieses Mal gemeinsam mit seinem Vater, nach Deutschland, um eine Audienz bei Kaiser Wilhelm II zu erbitten. Sie wollten ihn über die Gewalt und die Missstände im deutschen Kolonialregime in Kamerun informieren. Sie gingen offenbar davon aus, dass der Kaiser über viele Vorgänge in der Kolonialverwaltung nicht ausreichend informiert war. Soweit ich informiert bin, kam die erhoffte Audienz jedoch nicht so wie gedacht zustande. Mpundo Akwa blieb in Hamburg beziehungsweise in Altona. Von dort aus versuchte er weiterhin, Aufmerksamkeit für die Situation in Kamerun zu schaffen. Zwischen 1902 und 1911 tauchte Mpundo Akwa immer wieder in der Hamburger Presse und in Behördenakten auf. Dabei geriet er mehrfach in Konflikte. Die zeitgenössischen Zeitungsberichte zeichnen deshalb ein sehr geteiltes Bild von ihm – mal als politisch engagierten Aktivisten, mal als zweifelhafte exzentrische Figur mit Standesdünkel.
Besonders bekannt wurde ein Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Altona. Dort wurde ihm Betrug vorgeworfen: Er habe sich angeblich fälschlich als Sohn des King Akwa ausgegeben, um Waren und Dienstleistungen auf Kredit zu erhalten. Der Ausgangspunkt war also eine eher banale Situation. Die Presse der Zeit schrieb, ein Zigarettenhändler sei misstrauisch geworden und habe sich bei den Kolonialbehörden nach Mpundo Akwa erkundigt. Diese erklärten den Berichten zufolge, dass er nicht der Sohn des Königs sei und tätigten damit eine Falschaussage. Vor Gericht konnte Mpundo Akwa jedoch gemeinsam mit seinem Anwalt Moses Levi nachweisen, dass er tatsächlich der Sohn von Dika Mpundo Akwa war. Auch der Vorwurf des Betrugs bestätigte sich in dieser Form nicht. Trotzdem wird ihm bis heute gelegentlich in der historischen Literatur vorgeworfen, und das höre ich immer wieder in Führungen, Zigaretten „auf Pump“ gekauft zu haben, weil er kein Geld hatte. Solche Bewertungen greifen jedoch zu kurz und blenden den politischen Kontext aus, in dem sich Mpundo Akwa damals bewegte. Der junge Mann hat zum Beispiel versucht Handelskontakte zwischen seiner Familie und Unternehmen in Altona aufzubauen und sprach Missstände auch in der Presse an. In den Quellen wird berichtet, dass er versucht hat, seinen Kampf auch mit Geldzahlungen seiner Familie zu finanzieren. Diese wurden aber durch die deutschen Kolonialbehörden immer wieder blockiert. Mich beeindruckt, dass er nicht unbedingt der Mensch gewesen zu sein scheint, der sich einfach in eine stille Ecke setzt und seine „Revolution“ plant, sondern bei den Behörden auftaucht und seinen Wohlstand und Titel als Prinz nutzt, um auf rassistische Diskriminierungen immer wieder hinzuweisen. Um 1911 ist er dann von Hamburg bzw. von Altona aus nach Kamerun zurückgekehrt. Dort ist er vermutlich 1914 in deutscher Haft verstorben.
Ich erzähle nur Facetten, so erzähle ich das auch gerne anderen Menschen. Auch mit den einfachen Wörtern dazu. Ich kann natürlich nur das erzählen, was ich gefunden habe. Und kann manchmal auch nur Mutmaßungen im historischen Kontext tätigen. Dementsprechend mach ich es meistens so, dass ich auch Lücken lasse. Und helfe so vor allem den Leuten, denen ich diese Geschichten erzähle, zwei Sachen zu realisieren: A, es gab Widerstand gegen Kolonialgewalt organisiert von Schwarzen in Deutschland und B, die Geschichte ist komplex und schwierig. Puh, Schwarze Geschichte aufzuarbeiten ist wirklich Detektivarbeit.
Ich höre eine Art Vorsicht heraus. Auch bei sehr bekannten weißen deutschen Personen der Geschichte gibt es ja unterschiedliche Quellen oder Lücken und Ambivalenzen. Ihre Biografien sind dennoch nicht mit dieser Vorsicht erschienen und in Stadtführungen werden Erfolgsgeschichten ohne Wenn und Aber vorgestellt. Gibt es bei der Vermittlung von Biographien marginalisierter Gruppen vielleicht eine größere Angriffsfläche? Wie sehen Sie das? Wird bei den Woermanns, Bismarcks oder Laeiszs weniger nachgefragt?
Ja, total! Ich habe in einem überwiegend weißen, akademischen Wissenschaftskontext studiert. Dort habe ich gelernt, wie man eine „gute“ Historikerin ist und wie historische Forschung funktionieren soll: wie man mit Quellen arbeitet, wo man vorsichtig sein muss, wo man Lücken lassen sollte und wie man diese Lücken transparent macht. Gleichzeitig habe ich während meines Studiums immer wieder beobachtet, dass historische Figuren wie Otto von Bismarck oder Adolph Woermann sehr verkürzt dargestellt wurden. Dafür gab es eine Menge Begründungen. Häufig glaube ich aber, war es einfach Gewohnheit, weil diese verkürzten Darstellungen schon lange so in unserem Geschichtsdiskurs auftauchen. Diese Verkürzungen wurden nur selten wirklich kritisch hinterfragt.
Wenn ich jedoch mit Schwarzen oder allgemein mit marginalisierten Geschichten arbeite und ähnliche Verkürzungen vornehme, stehe ich sofort unter einem viel stärkeren Rechtfertigungsdruck. Geschichten marginalisierter Menschen, die im historischen Diskurs bisher unterrepräsentiert sind, müssen viel stärker begründet und abgesichert werden als etablierte Narrative. Das hat mehrere Gründe. Ich nenne mal zwei: Zum einen ist die Quellenlage oft deutlich schwieriger. Während Persönlichkeiten wie Bismarck umfangreiche schriftliche Nachlässe hinterlassen haben, verfügen wir bei vielen anderen Menschen nur über einzelne Fragmente. Zum anderen entsteht zu Beginn häufig Skepsis beim Publikum, da ich ihnen etwas völlig Unbekanntes erzähle. Für Menschen, die sich bisher noch nie mit Biographien marginalisierter Gruppen beschäftigt haben, wirkt eine solche Geschichte manchmal „unplausibel“. Das liegt auch daran, dass sie in einem Wissenssystem leben, in dem solche Geschichten kaum vorkamen. Wenn man diese Geschichten dann bewusst gegen den etablierten historischen Diskurs liest und neu erzählt, entsteht nicht immer sofort ein Aha-Moment. Stattdessen kommt eher die Reaktion: „Das kann doch nicht stimmen – davon habe ich noch nie gehört.“
Meiner Ansicht nach hängt das stark damit zusammen, dass historisches Wissen nie neutral ist, vielen aber so verkauft wird. Geschichte wird immer aus mehreren Perspektiven und Blickwinkeln produziert. Wenn man neue Perspektiven in diesen bestehenden Wissensdiskurs einbringen möchte, muss man deshalb besonders sorgfältig arbeiten. Man versucht gewissermaßen, sich gegenüber möglichen Angriffen auch von rechts abzusichern. Manchmal denke ich aber auch: Viel hilft viel. Je mehr Geschichten erzählt werden und je öfter diese Themen überhaupt öffentlich auftauchen, desto besser. Selbst wenn nicht jede Darstellung perfekt recherchiert ist, entsteht dadurch ein Dialog.
Wie bewerten Sie Hamburgs Umgang von städtischer Seite aus? Welche Möglichkeiten sehen Sie, dekoloniale Positionen stark zu machen, die sich weniger an diesen alten Spuren im Stadtraum oder an den kolonialen Woermanns, Bismarcks und anderen Männern abarbeiten? Welche Einschätzungen, Ideen oder Fantasien für die Zukunft haben Sie dazu?
Ich war eine Zeit lang recht frustriert über den Aufarbeitungsprozess in Hamburg, weil sich nicht so viel Sichtbares bewegte. Gleichzeitig finde ich es wichtig festzuhalten, dass überhaupt ein Prozess stattfindet und das dauert. Deutschlandweit gibt es inzwischen an vielen Orten Versuche, sich mit der kolonialen Vergangenheit auseinanderzusetzen – und das halte ich grundsätzlich für gut und notwendig. Auch in Hamburg sollte dieser Prozess unbedingt weitergehen. Wir müssen weiterhin über die historischen Akteure sprechen, die stark mit Kolonialismus verbunden waren, und ihre Verflechtungen kritisch aufarbeiten. Dazu gehört zum Beispiel, Denkmäler neu zu bewerten, Straßennamen zu überdenken und historische Persönlichkeiten einzuordnen. In manchen Fällen kann es auch sinnvoll alte Ehrungen zu überdenken. Ein Beispiel, über das in diesem Zusammenhang häufig diskutiert wird, ist Heinrich Carl von Schimmelmann, der mit versklavten Menschen gehandelt hat. Nach ihm sind in Hamburg mehrere Straßen benannt. Gleichzeitig ist das nur ein Teil der kolonialen Aufarbeitung.
Was mir im Diskurs oft noch fehlt, ist ein stärkerer Fokus auf die Stimmen derjenigen, die vom Kolonialismus betroffen waren. Ihre Perspektiven sichtbar zu machen, zu dokumentieren und langfristig zu sichern, ist ebenso wichtig. Dabei geht es nicht nur um Schwarze Menschen, sondern auch um andere marginalisierte Gruppen, deren Geschichten im historischen Diskurs häufig untergehen. Wenn wir zum Beispiel an migrantische Communities zu Beginn des 20. Jahrhunderts denken – etwa auch an chinesische Menschen in Hamburg –, sehen wir schnell, wie wenig diese Perspektiven bisher erzählt wurden. Diese Geschichten sind aus mehreren Gründen wichtig. Zum einen zeigen sie Menschen, die heute in dieser Stadt leben, dass sie nicht „neu“ oder „fremd“ sind. Migration und Vielfalt gehören schon lange zur Geschichte Hamburgs. Zum anderen machen diese Perspektiven deutlich, dass historische Debatten nie nur von den mächtigen europäischen Akteuren geprägt waren. Es gab immer auch Menschen, die Kritik geäußert haben, die Widerstand geleistet haben oder andere Sichtweisen vertreten haben. Diese Stimmen sind im Laufe der Zeit jedoch oft aus der Geschichtsschreibung verschwunden. Genau hier sehe ich eine wichtige Aufgabe: Wir müssen daran arbeiten, diese Stimmen sichtbar zu machen.
Ein weiterer Punkt ist mir besonders wichtig: Die koloniale Debatte, die wir derzeit in Hamburg führen, wirkt auf den ersten Blick historisch. In Wirklichkeit ist sie aber sehr aktuell. Je mehr ich mich mit Biografien beschäftige, desto häufiger stoße ich auf Geschichten von Menschen, deren Erfahrungen auch heute noch nachvollziehbar sind. Viele von ihnen haben ähnliche Kämpfe geführt wie Menschen heute – etwa um Anerkennung, Sichtbarkeit oder politische Mitsprache.
Dieses Interview wurde 2026 finanziell von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg gefördert.
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