Flucht aus der Sklaverei im Hamburger Raum
Fluchtversuche versklavter Menschen sind im Hamburger Raum nur selten dokumentiert. Fünf Suchanzeigen und zwei weitere Quellenerwähnungen, die acht rassifizierte und mutmaßlich versklavte Personen betreffen, deuten jedoch darauf hin, dass die Ankunft versklavter Seeleute und Bediensteter in Hamburg um 1800 nicht ungewöhnlich war. Bedingungen für eine Selbstbefreiung aus der Versklavung waren hier indes schwierig.
Sich selbst durch Flucht aus der Sklaverei zu befreien, war für Versklavte stets ein riskantes und gefährliches Unterfangen. In den USA, aber auch in der Karibik und in Südamerika dokumentieren Tausende Zeitungsanzeigen Fluchtversuche sowie die Bemühungen von „Besitzer*innen“ versklavter Menschen, diese gefangen zu nehmen und erneut zu versklaven.[1] Selbst aus einigen europäischen Metropolen wie London sind Hunderte solcher Annoncen überliefert.[2] In Hamburg ließen sich trotz umfassender Recherche bislang nur fünf Anzeigen ausmachen, die sich auf mutmaßliche Fluchtversuche aus der Versklavung beziehen. Meist vermieden die Annoncierenden es jedoch, dies direkt anzusprechen. Dass es sich um Versklavte handelte, lässt sich stets nur aus der Wortwahl und dem Kontext herauslesen.
Infobox
Versklavung und Versklavungshandel in deutschsprachigen Territorien im 19. Jahrhundert
Die rechtliche Lage zur Versklavung und dem Versklavungshandel in deutschsprachigen Territorien war höchst unterschiedlich. Zwar hatte der Wiener Kongress 1815 sich gegen Versklavungshandel ausgesprochen und hatten Großbritannien und Frankreich Verbote erlassen, Hamburg schloss sich diesen jedoch erst 1837 an. Auch der Status von Versklavten blieb in deutschsprachigen Territorien bis ins 19. Jahrhundert unreguliert und Versklavung damit vielfach toleriert. Einige Gelehrte des 18. Jahrhunderts verteidigten sie als legitime Rechtsform. In Hamburg wurde Versklavung 1837 gemeinsam mit dem Versklavungshandel für unrechtmäßig erklärt. Dänemark, zu dem Altona gehörte, verbot 1803 den Versklavungshandel, erst 1848 jedoch wurden versklavte Arbeiter:innen in der Karibik aus der Versklavung befreit.[3]
Die früheste dieser Anzeigen erschien im Juni 1774, als es in den Hamburgischen Addreß-Comtoir-Nachrichten in einer Annonce hieß, es sei „gestern Abend um 10 1/2 ein junger N**** ohngefähr 14 Jahr alt, klein von Positur, allem Vermuthen nach entführet worden.“ Weiter hieß es dort: „Solte Jemand seyn, welcher von seinem Aufenthalt einige Nachricht geben könnte, dem wird mit Verschweigung seines Namens, ein gut Recompens versprochen, und kann er sich dieserhalb auf dem Kaysershof melden.“[4] Der mit einem rassifizierenden Begriff belegte Jugendliche war augenscheinlich kein Kind der Familie. Welche Position er im Haushalt der oder des Annoncierenden innehatte und ob es sich tatsächlich um eine Entführung handelte, ist unklar. Angesichts der versprochenen Verschwiegenheit und der ausgelobten Belohnung scheint auch möglich, dass der 14-Jährige heimlich davongelaufen war.
Hamburgischen Addreß-Comtoir-Nachrichten, Juni 1774
Fast ein Jahrzehnt später, in einem 1783 veröffentlichten Lesebuch für Kaufleute, wurde ein solcher Fluchtversuch geschildert. Der Herausgeber Johann Christian Sinapius beschrieb in einem kurzen Einschub seine Begegnung mit einem jungen Versklavten namens Jan, den sein Besitzer aus Suriname nach Hamburg gebracht hatte. „Einst“, so der Autor, „fiel es dem schwarzen Jan ein, seinem Herrn zu entlaufen“. Über die genauen Umstände und darüber, wo Jan Zuflucht gesucht hatte, schrieb Sinapius nicht, deutete aber an, dass Verrat und ein Mangel an Versteckmöglichkeiten dazu beitrugen, dass Jan keinen Erfolg hatte: „Aber seine Farbe verrieth ihn. – Er wurde leicht ertappt und zurück geliefert.“ Wie der Autor weiter vermerkt, ließ ihn sein niederländischer Besitzer daraufhin gewaltsam nach Suriname zurückbringen, wo er plante, „ihm ein Bein abschneiden [zu] lassen“. Sinapius nannte diese brutale Gewalt „tyrannisch“ und den Niederländer einen „Unmenschen“. Dennoch ist seine Haltung zu Sklaverei ambivalent, denn er äußert etwa die Meinung, dass „die Gesetze in den Antillen menschlich sind“[5].
Ausgelobte Belohnungen und rassifizierende Bescheibungen
Eine weitere Annonce erschien zum Jahreswechsel 1786/87 und zeichnet ebenfalls ein plastisches Bild einer Flucht. Aus „einem Hause in Altona“ sei ein „N****- oder schwarzer Junge entlaufen.“ Obwohl hier als „Junge“ bezeichnet, handelte es sich um einen jungen Mann von „ungefähr 20 Jahre[n]“, der „Englisch und Deutsch“ sprach. Nach einer detaillierten Beschreibung der Bekleidung des 20-Jährigen und seiner Statur schloss die Anzeige mit dem Satz: „Da dem Eigner daran gelegen, selbigen wieder zu haben, so wird ein jeder ersucht, der von ihm Nachricht weiß, sich im Addreß-Comtoir zu melden, und hat eine gute Belohnung dafür zu erwarten.“[6] Die Anzeige ist insofern für Hamburg einzigartig, als dass sie die Versklavung des Geflüchteten mit dem Begriff „Eigner“ beiläufig, aber dennoch eindeutig benennt. Die ausgelobte Belohnung verstärkt den Eindruck, dass es sich um ein Besitzverhältnis handelte, da Suchen nach entlaufenen Dienstbot*innen, die keinen Diebstahl begangen hatten, in und um Hamburg zu dieser Zeit unüblich waren.
Auch in den 1790er Jahren wurden mindestens drei Anzeigen publiziert, die sich nun allerdings alle auf flüchtende – und mutmaßlich versklavte – Schwarze US-amerikanische Seeleute bezogen. Die Anzeigen erschienen in den Jahren 1795, 1796 und 1797 und ähneln einander. Im November 1795 suchte Samuel Parker, der Kapitän des Schiffs Mary, „zwey M*****, der eine ein Matrose, Newport Hafard, der andere ein Koch, William Davids, [die sich] heimlich entfernt haben“. Er versprach „demjenigen zehn Mark Belohnung, welcher dieser beyden M***** habhaft werden und in Sicherheit bringen kann“[7]. Nur drei Monate später wiederum suchte Henry Tredwell, Kapitän der Fair American of Newyork, nach einem „N****, Namens Bob“. Dieser sei „ungefähr 5 Fuß 9 Zoll groß, hat seine vordersten Zähne verloren und stottert sehr, hatte, wie er entlief, eine kurze blaue Jacke und lange Hosen an, und einen runden Huth auf“. Auch Tredwell versprach „5 Guinees“[8] für Hinweise auf Bobs Verbleib.
Die letzte der drei Anzeigen erschien im September 1797, als es hieß, es seien „von dem Schiffe Lucy, von Charlestown, Capitain John Conolly, zwey Jungen, ein schwarzer und ein weißer, entlaufen“. Conolly, der sich nachweislich mehrfach an transatlantischen Versklavungsfahrten beteiligt hatte,[9] beschrieb den Schwarzen Seemann Tom Millom als „5 Fuß 2 Zoll groß, trägt eine blaue Jacke mit weißen Knöpfen, segeltuchene Hosen und eingebundene Haare, selbiger hat eine platte Nase und einen großen Mund, sein Hals ist mit Theer beschmiert“. Der weiße Matrose, William Franks sei „5 Fuß 6 Zoll groß“ und „seine Kleidung ist wie des ersten seine.“ Trotz der offenbar ähnlichen Position beider Männer oder Jugendlichen an Bord lobte der Kapitän „für erstern 10 Spec[ies] Thaler, und für letztern 1 Spec[ies] Thaler Belohnung“[10] aus. Vieles spricht dafür, dass er Milloms Belohnung höher ansetzte, weil dieser als Versklavter von persönlichem Wert für Conolly war.

Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 25. September 1797, Nr. 75, S. 599.

Altonaischer Mercurius, 24. November 1795, Nr. 188, S. 2694.
Obwohl die Sprache solcher Suchanzeigen oft verdinglichend wirkt und keine Auskunft über individuelle Motivationen, Pläne und Strategien der Flüchtenden gibt, bezeugen die kurzen Texte doch den unbedingten Willen einiger, oft junger Menschen, sich aus der Sklaverei zu befreien. Die bislang verfügbaren Quellen deuten darauf hin, dass die Versuche nicht immer glückten. Es gab in Hamburg kaum Möglichkeiten, in einer größeren Schwarzen Community unterzutauchen und die ausgelobten Belohnungen mögen dazu beigetragen haben, dass einige Einwohner*innen Hamburgs und Altonas Flüchtende verrieten. Die Anzeigen fielen zudem in einen Zeitraum, in dem sich einige Hamburger Akteure nachweislich selbst am Versklavungshandel beteiligten.[11] Dass gescheiterte Fluchtversuche mit brutaler Gewalt bestraft wurden, wie im Lesebuch für Kaufleute beschrieben, unterstreicht wie viel Mut Flüchtende bei einem solchen Akt des Widerstands und des Wunsches nach Freiheit aufbrachten.

Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 25. September 1797, Nr. 75, S. 599.

Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 25. Februar 1796, Nr. 16, S. 128
Zumindest eine augenscheinlich erfolgreiche Flucht aus der Versklavung im Hamburger Raum lässt sich jedoch ausmachen. So arbeitete 1807 der 18-jährige Seemann James Chamberlain auf dem Schiff Perseverance, das von Philadelphia in Richtung Hamburg fuhr. Aufgrund der zu dieser Zeit blockierten Elbe steuerte das Schiff schließlich Friedrichstadt als Ausweichhafen an. Chamberlain wurde in der Mannschaftsliste als „an indentu[re]d black man to Henry Moulier of Philad[elphi]a“ geführt, der mit der Erlaubnis seines Besitzers fuhr. Der Status „indentured“ bezeichnete in Pennsylvania alle nach 1780 als Kinder versklavter Mütter geborene Personen. Das dortige Gesetz zur graduellen Abschaffung der Sklaverei besagte, dass diese Kinder bis zu ihrem 28. Lebensjahr versklavt (bzw. „indentured“) blieben, im Anschluss jedoch frei wurden.[12] Chamberlain jedoch entfernte sich in Friedrichstadt heimlich vom Schiff und „could not afterward be found“[13]. Die Perseverance kehrte schließlich ohne ihn nach Philadelphia zurück. Wohin es Chamberlain letztlich verschlug, ist unklar. Es deutet sich jedoch an, dass er seine Freiheit zehn Jahre früher erlangte als von der Gesetzgebung Pennsylvanias vorgesehen.[14]
Literaturverzeichnis
Bärwald, Annika. „No Safe Haven: Fugitives from Slavery as Contested Refugees in Hamburg, 1770-1840.“ Itinerario, 2026, 1–17. doi:10.1017/S0165115326100412.
Friederichs, Hauke. Piraten, Kaper und Korsaren im Mittelmeer: Die Darstellung der nordafrikanischen Barbaresken in der periodischen deutschen Presse des 18. Jahrhunderts. Presse und Geschichte 111. Bremen: edition lumière, 2008.
MacMillin, James A. The Final Victims: Foreign Slave Trade to North America, 1783–1810. The Carolina lowcountry and the Atlantic world. Columbia, SC: University of South Carolina Press, 2004. http://www.h-net.org/review/hrev-a0e4r6-aa.
Mallinckrodt, Rebekka v. „Sklaverei und Recht im Alten Reich.“ In Das Meer: Maritime Welten in der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Peter Burschel und Sünne Juterczenka, 597–610. Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2021.
Newman, Richard S. „‘Lucky to Be Born in Pennsylvania’: Free Soil, Fugitive Slaves and the Making of Pennsylvania’s Anti-Slavery Borderland.“ Slavery & Abolition 32, Nr. 3 (2011): 413–430.
Newman, Simon P. Freedom Seekers: Escaping from Slavery in Restoration London. London: University of London Press, 2022. doi:10.14296/202202.9781912702947.
Olsen, Poul E. „Disse vilde karle: Negre i Danmark indtil 1848.“ In Fremmede i Danmark: 400 års fremmedpolitik. Hrsg. von Bent Blüdnikow, 102–17. Odense university studies in history and social sciences 104. Odense: Odense Universitetsforlag, 1987.
Ressel, Magnus. „Hamburg und die Niederelbe im atlantischen Sklavenhandel der Frühen Neuzeit.“ WerkstattGeschichte 66//67 (2014): 75–96.
Sinapius, Johann C., Hrsg. Lesebuch für Kaufleute. Hamburg, Leipzig: Mathießen, 1783.
van der Linden, Marcel. „Zur Logik einer Nicht-Entscheidung: Der Wiener Kongress und der Sklavenhandel.“ In Der Wiener Kongress: Die Erfindung Europas. Hrsg. von Thomas Just, Wolfgang Maderthaner und Helene Maimann, 354–73. Wien: Carl Gerold‘s Sohn Verlagsbuchhandlung KG, 2014.
zur Lage, Julian. „Die Hochphase des deutschen Versklavungshandels.“ Zeitschrift für historische Forschung 49, Nr. 4 (2022): 665–694.
Fussnoten
[1] Siehe etwa die Datenbanken „Freedom on the Move“ und „Freedom Seekers”: https://freedomonthemove.org/; https://freedom-seekers.org/. Für Großbritannien siehe auch
[2] Siehe zu London Simon P. Newman, Freedom Seekers: Escaping from Slavery in Restoration London (London: University of London Press, 2022). doi:10.14296/202202.9781912702947
[3] Siehe etwa Rebekka v. Mallinckrodt, „Sklaverei und Recht im Alten Reich.“ In Das Meer: Maritime Welten in der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Peter Burschel und Sünne Juterczenka (Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2021); Poul E. Olsen, „Disse vilde karle: Negre i Danmark indtil 1848.“ In Fremmede i Danmark: 400 års fremmedpolitik, hrsg. v. Bent Blüdnikow, Odense university studies in history and social sciences 104 (Odense: Odense Universitetsforlag, 1987); Marcel van der Linden, „Zur Logik einer Nicht-Entscheidung: Der Wiener Kongress und der Sklavenhandel.“ In Der Wiener Kongress: Die Erfindung Europas, hrsg. v. Thomas Just, Wolfgang Maderthaner und Helene Maimann (Wien: Carl Gerold’s Sohn Verlagsbuchhandlung KG, 2014)
[4] Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 30. Juni 1774, Nr. 83, S. 408.
[5] Johann C. Sinapius, Hrsg., Lesebuch für Kaufleute (Hamburg, Leipzig: Mathießen, 1783), 418. Suriname gehört nicht zur Inselgruppe der Antillen. Es ist nicht ganz klar, ob Sinapius hier die Gesetzgebung Surinames mit jener der Antillen vergleichen wollte, oder ob er ,Antillen‘ als Oberbegriff für alle niederländischen Kolonien im Atlantikraum nutzte. Ich danke Sarah Lentz für den Hinweis auf diese Quelle.
[6] Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 1. Januar 1787, Nr. 1, S. 8. Diese Anzeige findet sich (als Einzige der fünf) auch in Hauke Friederichs, Piraten, Kaper und Korsaren im Mittelmeer: Die Darstellung der nordafrikanischen Barbaresken in der periodischen deutschen Presse des 18. Jahrhunderts, Presse und Geschichte 111 (Bremen: edition lumière, 2008), 212–13. Der Autor geht ebenfalls von einem Versklavungsfall aus.
[7] Altonaischer Mercurius, 24. November 1795, Nr. 188, S. 2694.
[8] Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 25. Februar 1796, Nr. 16, S. 128.
[9] Connolly fuhr mindestens viermal mit der Africa (Eigner William Boyd) nach Westafrika. Zweimal wurden die Versklavten in Havanna verkauft, einmal in Charleston. Auf der letzten Fahrt 1808 wurde die Africa von einem britischen Kriegsschiff angehalten und übernommen. Viele der Versklavten starben an Bord. James A. MacMillin, The Final Victims: Foreign Slave Trade to North America, 1783–1810(Columbia, SC: University of South Carolina Press, 2004), S. 95, 109–110
[10] Hamburgische Addreß-Comtoir-Nachrichten, 25. September 1797, Nr. 75, S. 599.
[11] Siehe hierzu Magnus Ressel, „Hamburg und die Niederelbe im atlantischen Sklavenhandel der Frühen Neuzeit.“ WerkstattGeschichte 66//67 (2014); Julian zur Lage, „Die Hochphase des deutschen Versklavungshandels.“ Zeitschrift für historische Forschung 49, Nr. 4 (2022)
[12] Siehe hierzu Richard S. Newman, „‘Lucky to Be Born in Pennsylvania’: Free Soil, Fugitive Slaves and the Making of Pennsylvania’s Anti-Slavery Borderland.“ Slavery & Abolition 32, Nr. 3 (2011)
[13] National Archives of the United States of America (NARA), Philadelphia 36: Records of the U.S. Custom Service, NAID: 573978, Department of the Treasury, Customs Service, Collection District of Philadelphia, Office of the Collector of Customs (1789–1927), Box 16.
[14] Eine ausführlichere Version dieses Textes ist erschienen in Annika Bärwald, „No Safe Haven: Fugitives from Slavery as Contested Refugees in Hamburg, 1770-1840.“ Itinerario, 2026
Dieser Beitrag wurde 2026 finanziell von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg gefördert.
