Ahrensburger Schlosskirche

Die Familie Rantzau hatte 1594 in Ahrensburg die Schlosskirche erbaut, deren Kirchhof bis Ende des 19. Jahrhunderts als Friedhof diente. Hier wurde Maria Susanna Josua nach ihrem Tod 1848 bestattet. Foto: Friedhofsverwaltung Ahrensburg

Ahrensburger Schlosskirche

Maria Susanna Josuas diasporische Verbindungen

Annika Bärwald
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 Maria Susanna Josua, eine Frau aus der Karibik, starb 1848 in Ahrensburg. Wenige Tage nach ihrem Tod wurde sie auf dem Friedhof an der Schlosskirche bestattet. Sie vermachte ihren Erben eine bedeutende Summe. Die Nachlassakte im Landesarchiv von Schleswig-Holstein rassifiziert die bei ihrem Tod etwa 71 Jahre alte Susanna Josua mehrfach als „N******“. Gleichzeitig lassen die Dokumente die Umrisse ihrer Biografie erkennen: In die Sklaverei hineingeboren, starb Josua in Ahrensburg als wohlhabende Frau, die ihr Leben lang Kontakte in die Karibik aufrechterhielt.[1] Ihre Geschichte verweist nicht zuletzt auf die engen Verflechtungen zwischen Ahrensburg und den dänisch-kolonisierten Karibikinseln.

Maria Susannas Josuas Leben ist zunächst vor allem durch eine Akte im Landesarchiv Schleswig-Holstein überliefert, die ihren Tod in Ahrensburg im Jahr 1848 im Alter von etwa 71 Jahren sowie die nachfolgenden Nachlassermittlungen dokumentiert.[2] Aus Einzelheiten der Akte geht die Geschichte einer in die karibische Sklaverei geborenen Frau hervor, die als Erwachsene nach ihrer Ankunft in Europa wirtschaftliche und familiäre Verbindungen in die Karibik aufrechterhielt. Auf diese Weise blieb sie Teil der transatlantischen Diaspora.[3]

Von St. John nach St. Thomas nach Hamburg und Ahrensburg

Den städtischen Raum teilten sie sich mit einer wachsenden Bevölkerungsgruppe freier Schwarzen Personen. Einige dieser freien Schwarzen Menschen waren „Freigelassene“, andere frei geboren, und nicht wenige waren erst kürzlich von umliegenden Inseln eingewandert. Der Großteil von ihnen verdiente seinen Lebensunterhalt mit handwerklichen und haushälterischen Arbeiten, manche allerdings unterhielten Geschäfte und kamen – wie die Familie Bertram – zu beträchtlichem Besitz.[7] Nimmt man an, dass Susanna Josua bereits vor ihrer Abfahrt nach Hamburg frei war, so könnte sie Arbeit als Bedienstete gefunden haben. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie eine „Haushälterin“ wurde, wie es im dänischen Kolonialjargon beschönigend hieß, wenn von der nichtehelichen Schwarzen Gefährtin oder der unfreiwilligen Sexualpartnerin[8] eines weißen Mannes die Rede war. Eingebunden in zutiefst ungleiche, ausbeuterische Machtverhältnisse, resultierten diese Beziehungen dennoch teils in Freilassungen für versklavte Frauen bzw. in finanziellen Zuwendungen für freie Schwarze Frauen.[9]

Schwierige Spurensuche

Welche Position Josua auch innegehabt haben mochte: Die Tatsache, dass 1826 ihr Taufschein kopiert wurde, der als Identitätsnachweis diente, legt nahe, dass sie im selben Jahr in die Hamburger Region reiste. Sie muss zu diesem Zeitpunkt etwa 49 Jahre alt gewesen sein, deutlich älter also als die jugendlichen Schwarzen Bediensteten, die in der Frühen Neuzeit an vielen deutschen Fürstenhöfen arbeiteten und meist als versklavte Kinder verschleppt wurden.[10]
Wie also kam Josua ins Hamburger Umland? Auf St. Thomas lebende deutschsprachige Kaufleute reisten nachweislich mehrfach in Gesellschaft ihrer freien und versklavten Bediensteten nach Europa, oftmals über den Hamburger Hafen. Eine mögliche Verbindung nach Ahrensburg stellen etwa die Weinmar-Brüder dar, die in der dänischen Karibik Land und Versklavte besaßen. Sie waren in den 1790er Jahren zunächst als Plantagenverwalter in die Karibik gegangen und heirateten dort „einheimische Frauen“.[11] Sie und ihre Kinder erwarben schließlich große Landstücke und mehrere Hundert Versklavte auf St. Thomas und St. John.[12] Die Verbindungen des kleinen Orts Ahrensburg in die Karibik reichten jedoch weiter zurück: Nachkommen des oben erwähnten Heinrich Carl Schimmelmann waren Eigentümer des Guts Ahrensburg und hatten von ihrem Vater vier große Plantagen auf den Inseln St. Thomas, St. John und St. Croix vermacht bekommen. Schon in den 1760ern waren sieben versklavte Handwerker aus der Karibik nach Ahrensburg gelangt, von denen vier Männer innerhalb weniger Jahre starben.[13] Sofern aus den Quellen ersichtlich, scheint Josuas Leben indes keine Verbindungen zu den Schimmelmanns gehabt zu haben.

Foto: Deckblatt der Nachlassakte Josuas im Staatsarchiv Schleswig, StSH Abt. 127.3 Ahrensburg, Nr. 66I

Susanna Josuas Erbschaft setzte in den Monaten nach ihrem Tod ein Nachlassverfahren in Gang, das bestehende Verbindungen in die Karibik ans Licht brachte: So wurden in ihrem Privatbesitz Briefe gefunden, aus denen hervorhing, dass Josua zwei auf St. Thomas lebende Schwestern und vier Nichten hatte. Man kann annehmen, dass Josua höchstwahrscheinlich lesen und schreiben konnte. Unbekannt ist, ob sie selbst auch Briefe in die Karibik versandt hatte. In vielerlei Hinsicht scheint Maria Susanna Josua ein akzeptiertes Mitglied der Ahrensburger Dorfgemeinschaft gewesen zu sein. Der örtliche Schreiner notierte auf seiner Rechnung für noch nicht gezahlte Reparaturen, er habe sie für „die verstorbene Susanna“ vorgenommen. Trotz der wiederholten Verwendung des Begriffs „N****in“ in der Akte – jedoch immer in Kombination mit ihrem Namen – weist nichts darauf hin, dass die Nachlassverwalter ihren Fall anders behandelten als den einer weißen Person. Es gelang ihnen, schriftlichen Kontakt mit der Kolonialverwaltung in St. Thomas aufzunehmen und Josuas Erb*innen zu identifizieren. Ihre zwei Schwestern und eine Nichte waren bereits gestorben, aber zwei andere Nichten und sechs weitere Großnichten und -neffen lebten noch auf St. Thomas. Das Erbe, sowohl das zuvor angelegte Kapital als auch die Erträge aus der Versteigerung, wurden 1851 schließlich in Wechselbriefen in die Karibik verschifft. Für eine Gebühr übernahm dies das Hamburger Handelshaus Willink, Schön & Co.  

Diasporische Verbindungen über den Atlantik hinweg

Man kann Susanna Josua als transnationale Migrantin begreifen – ein Begriff, der normalerweise für Menschen des zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhunderts verwendet wird:[16] Nach ihrer Migration ins Hamburger Umland rissen ihre Verbindungen in ihre karibische Herkunftsregion und zu ihrer dort lebenden Familie nicht ab – nichtsdestoweniger ein Ort, in den sie als Versklavte geboren worden war. Josua erfüllt damit zwar wenige der Kriterien, die gewöhnlich anlegt werden, um eine gelungene Einwanderung zu attestieren – sie heiratete nicht und hinterließ in Ahrensburg keine Nachkommen. Ihre Geschichte ist dennoch in vielerlei Hinsicht eine Geschichte einer erfolgreichen Emanzipation, im Hinblick auf ihre vorherige Versklavung ebenso wie bezüglich ihrer finanziellen Situation. Darüber hinaus trug Josua zur Aufrechterhaltung diasporischer Verbindungen über den Atlantik hinweg bei. Sie ermöglichte es ihrer Familie so, an ihrem finanziellen Erfolg teilzuhaben und die in Europa verdienten Zinsen in die Karibik zurückfließen zu lassen. Maria Susanna Josuas Geschichte zeigt – trotz aller Lücken – die Beständigkeit und Reichweite familiärer Verbindungen afro-karibischen Menschen. Sie deutet ebenso auf die große Spannbreite und Vielfalt früher Schwarzer Biografien hin.


[1] Eine englischsprachige Variante dieses Textes ist erschienen in Bärwald, Annika/Lentz, Sarah, German Slavery and Its Legacies: On History, Activism, and a Black German Past, in: Stephan Conermann/Claudia Rauhut/Ulrike Schmieder/Michael Zeuske (Hrsg.), Cultural Heritage and Slavery. Perspectives from Europe, Berlin/Bonn 2023, S. 303–332, hier 315–318.

[2] Vgl. „Akte betreffend den Nachlass der verstorbenen Negerin Mari[a] Susanne Josua“ (1848). LAS, 127.3 Ahrensburg 66I Nachlassakten. Wenn nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich alle weiteren Zitate und Verweise zu Josua auf diese Akte.

[3] Der Diaspora-Begriff wurde noch Anfang des 20. Jahrhunderts primär für religiöse Minderheiten benutzt. In den 1960ern übertrug ihn George Shepperson auf Menschen mit afrikanischen Vorfahren, insbesondere solche außerhalb Afrikas, die trotz divergierender Erfahrungen kulturell und über persönliche Netzwerke miteinander verbunden bleiben. Vgl. hierzu auch Patrick Manning, „Africa and the African Diaspora: New Directions of Study.“ The Journal of African History 44, Nr. 3 (2003).

[4] 1773 wurde Bertram in den Steuerregistern als „freie N****** verzeichnet“ und „besaß“ zwölf Versklavte; 1778 war die Plantage mit nun elf Versklavten an ihre Kinder übergegangen. Vgl. Dänisches Nationalarchiv, Matrikel for St. Thomas og St. Jan (1773). 571 Vestindiske Regnskaber 83.3-4, fol. 7; Matrikel for St. Thomas og St. Jan (1778). 571 Vestindiske Regnskaber 83.3-4, fol. 12.

[5] Noch 1813 „besaß“ eine freie Schwarze Person namens J. Bertram 15 Versklavte. Es ist unklar, ob es sich um einen Erben oder eine Erbin von Tresa Bertram handelte. Vgl. Dänisches Nationalarchiv, Matrikel for St. Thomas og St. Jan (1813). 571 Vestindiske Regnskaber 83.26, unpaginiert. Taufzertifikate von Susanna Josuas Großnichten aus den Jahren 1816 bis 1826 in der Nachlassakte zeigen allerdings, dass Familienmitglieder – und wahrscheinlich Josua selbst – spätestens zu diesem Zeitpunkt frei waren.

[6] Vgl. Brockstedt, Die Schiffahrts- und Handelsbeziehungen Schleswig-Holsteins nach Lateinamerika 1815 – 1848, 372–74.

[7] Vgl. N. A. T. Hall und B. W. Higman, Hrsg., Slave Society in the Danish West Indies: St. Thomas, St. John and St. Croix (Mona, Jamaica: University of the West Indies Press, 1992), 139–54.

[8] Über Josuas Situation können nur Vermutungen angestellt werden. Sexuelle Verhältnisse zwischen weißen Männern und Schwarzen Frauen fanden, auch wenn es sich um freie Frauen handelte, stets innerhalb eines großen Machtgefälles statt. Schwarze Frauen waren etwa dadurch, dass Eheschließungen zwischen weißen und Schwarzen Menschen bis ins spätere 19. Jahrhundert nicht stattfanden, rechtlich kaum abgesichert. (Anm. Annika Bärwald)

[9] Vgl. bspw. Elizabeth Rezende, „The Manumission Process in the Danish West Indies, 1800-1848.“ In Negotiating enslavement: Perspectives on slavery in the Danish West Indies, hrsg. v. Arnold R. Highfield und George F. Tyson (St. Croix, U.S. Virgin Islands: Antilles Press, 2009) sowie, weiter gefasst: Pamela Scully und Diana Paton, Hrsg., Gender and Slave Emancipation in the Atlantic World (Durham, NC: Duke Univ. Press, 2005).

[10] Zu dieser Personengruppe vgl. Anne Kuhlmann-Smirnov, Schwarze Europäer im Alten Reich: Handel, Migration, Hof, Transkulturelle Perspektiven 11 (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2013).

[11] Mit “einheimische Frauen” sind hier weiße Frauen aus der lokalen plantagenbesitzenden (weißen) Oberschicht gemeint. Oft waren das Familien, die schon seit mehreren Generationen in der Karibik lebten, teils auch auf anderen Inseln; manchmal heirateten aber auch Töchter von Kolonialbeamten aus Dänemark ihrerseits in die lokale Elite ein. (Anm. Annika Bärwald)

[12] Zur Familie Weinmar siehe die Dissertation von Annika Bärwald (Universität Bremen, 2026) sowie George F. Tyson, The Enighed Estate and Ruin of St. John, USVI: An Historical Survey (Christiansted, St. Croix, U.S. Virgin Islands: Island Resources Foundation, 1976), Prepared for the Dept. of Conservation and Cultural Affairs of the Government of the US Virgin Islands.

[13] Vgl. Degn, Die Schimmelmanns im atlantischen Dreieckshandel, 108–17.

[14] Ob sie in Deutschland je für Lohn gearbeitet hatte, ist unklar.

[15] Vgl. Matthias Schmoock, „Die Revolution von 1848/49.“ Zuletzt geprüft am 28.07.2021, https://geschichtsbuch.hamburg.de/epochen/restauration-revolution-reform/die-revolution-von-184849-in-hamburg/.

[16] Vgl. Nina G. Schiller, Linda Basch und Cristina Blanc-Szanton, „Transnationalism: A New Analytic Framework for Understanding Migration.“ Annals of the New York Academy of Science, Nr. 645 (1992). 


Dieser Beitrag wurde 2026 finzanziell von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg gefördert.