Mèhèza Kalibani ist Kurator für koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart sowie Geschichts- und Kulturwissenschaftler. Er studierte Germanistik an der Université de Lomé, Internationale Kulturhistorische Studien an der Universität Siegen und promovierte in Geschichtswissenschaften an der Universität Tübingen. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit Themen wie dekoloniale Praxis in Museen und Archiven, koloniale Kontinuitäten und Erinnerungskultur, postkoloniale Theorien sowie Macht- und Wissensverhältnisse im (post-)kolonialen Kontext. Er koordinierte von 2023 bis 2026 das Projekt „Hamburg dekolonisieren! Initiative zur Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe der Stadt“ für die Stiftung Historische Museen Hamburg. Dort arbeitet er auch an partizipativen Formaten mit, die theoretische Konzepte in konkrete Praxis überführen und nachhaltige Beteiligungsräume für die Zivilgesellschaft schaffen.
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„Die schwache institutionelle Verankerung halte ich für ein grundlegendes Problem“
Interview: Anke Schwarzer, 2026
Welche Orte und Räume in Hamburg kommen Ihnen in den Sinn, wenn Sie an die koloniale Geschichte und die dekoloniale Gegenwart denken?
Ich denke unter anderem an Denkmäler. In St. Pauli gibt es zum Beispiel das Bismarck-Denkmal. Außerdem fällt mir die Schimmelmann-Büste in Wandsbek ein – auch wenn sie nicht mehr im Puvogel-Garten steht, verbinde ich sie mit dem Thema. Darüber hinaus denke ich an Museen, etwa an das ehemalige Völkerkundemuseum, das heutige Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK), in dem sich noch viele Objekte aus den ehemaligen Kolonien befinden. Auch der Baakenhafen kommt mir in den Sinn. Von dort wurde ein Großteil der Kolonialtruppen in die damalige Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“, das heutige Namibia, entsandt. Diese Soldaten waren später am Völkermord an den OvaHerero und Nama beteiligt. Dieser Ort steht aktuell ebenfalls wieder zur Diskussion.
Es gibt eigentlich sehr viele solcher Orte. Ich arbeite bei der Stiftung Historische Museen Hamburg. Dazu gehört auch das Jenisch Haus. Dort wurden kürzlich bislang unerzählte Geschichten aufgearbeitet, bei denen Verbindungen zwischen dem Reichtum der Bauherren oder Eigentümer und dem Sklavenhandel beziehungsweise dem Handel mit Kolonialwaren sichtbar wurden.
Auch Orte des Widerstands an der Universität Hamburg gehören für mich dazu. Das Hauptgebäude war ursprünglich Teil des Kolonialinstituts, bevor daraus die Universität hervorging. In den Jahren 1967 und 1968 gab es außerdem Proteste gegen das Denkmal des Kolonialoffiziers Wissmann, das nach mehreren Versuchen schließlich gestürzt wurde. Dies zeigt, wie lange der Kampf für Dekolonisierung in Hamburg bereits besteht. Schließlich denke ich auch an die HafenCity, in der Straßen etwa nach Magellan und Vasco da Gama benannt sind. Diese Personen werden als Entdecker dargestellt, obwohl sie ihre Ziele oft mit Gewalt durchgesetzt und damit koloniale Strukturen mitbegründet haben. Die HafenCity ist ein sehr neuer Stadtteil. Dass gerade dort solche Namen vergeben wurden, verdeutlicht, wie schwierig der Umgang der Stadt mit ihrer kolonialen Vergangenheit bis heute ist.
Darf ich fragen, wann Sie nach Hamburg gekommen sind und was für ein Bild Sie damals von Hamburg hatten?
2017 war ich zum ersten Mal für kurze Zeit in Hamburg und 2018 kam ich erneut hierher. Die postkoloniale Debatte habe ich eher aus der Ferne verfolgt. Damals konnte ich die kolonialen Orte in der Stadt noch nicht wirklich identifizieren – vermutlich auch, weil ich nicht in Hamburg gelebt und mich nicht intensiver mit der Stadt beschäftigt hatte. Ich war zum Beispiel in der Elbphilharmonie und habe von dort aus die Stadt betrachtet. Orte wie das „Columbus-Haus“ sind mir dabei aber überhaupt nicht aufgefallen.
Seit 2022 lebe ich in Hamburg und nehme diese Dinge bewusster wahr. Wenn man durch die Stadt geht, begegnet man an vielen Stellen solchen Spuren. Bei den Orten des Widerstands denke ich auch oft an umbenannte Straßen, wie etwa an den Louisa-Kamana-Weg oder den Cornelius-Fredericks-Stieg in Hamburg-Ohlsdorf. Diese Namen erinnern einerseits an den damaligen Widerstand gegen den Kolonialismus; und andererseits ist diese Umbenennung durch einen Akt des heutigen, dekolonialen Widerstands möglich geworden.
Ich würde gern bei den Orten des Widerstands bleiben, da ich sie besonders interessant finde. In Hamburg wird häufig über Erinnerungsorte gesprochen, die mit Täterschaft verbunden sind. Sie hatten bereits den Sturz des Wissmann-Denkmals in den 1960er Jahren erwähnt. Mich würde interessieren, ob Ihnen auch Orte oder Formen des Widerstands einfallen, die noch weiter zurückliegen. Anders gefragt: Ab wann würden Sie antikolonialen Widerstand in Hamburg verorten?
Ich denke, dass es diesen Widerstand im Grunde schon immer gab, wenn Menschen unter diesen bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen lebten und darauf reagierten. Gerade in einer Hafenstadt wie Hamburg, die von vielfältigen Migrationsbewegungen geprägt war, trafen unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven aufeinander.
Kolonialismus zeigte sich nicht nur in politischen und wirtschaftlichen Strukturen, sondern auch in Darstellungen, Repräsentationen, Wahrnehmungen und im Umgang mit „den Anderen“.
Wenn sich Menschen aus kolonisierten Regionen in der Stadt aufhielten, lebten sie hier unter spezifischen Bedingungen. Sie wurden rassistisch diskriminiert und manchmal aufgrund ihrer Hautfarbe unter Generalverdacht für Delikte gestellt. Dazu gehörten beispielsweise die chinesischen Seeleute am Hafen wie auch die Schwarze Community. In diesem Zusammenhang denke ich etwa an den Fall von Mpundo Akwa aus Kamerun, der Anfang des 20. Jahrhunderts vor Gericht stand und als einer der ersten Afrikaner beziehungsweise als erste Schwarze Person in Altona einen Prozess gewann. Für mich ist auch dieses Gericht ein Ort des Widerstands.
Wie bewerten Sie den Umgang des offiziellen Hamburgs mit diesen genannten Orten – sowohl mit den Orten des Widerstands als auch mit jenen, die mit kolonialer Täterschaft verbunden sind, wie beispielsweise dem Baakenhafen oder dem Amerigo-Vespucci-Platz?
Das Bewusstsein für die koloniale Vergangenheit und die gegenwärtige Verantwortung fehlt häufig, obwohl es bereits einige wissenschaftliche und zivilgesellschaftliche Arbeiten zum Thema gibt. Wenn die Stadt zustimmt, dass diese Namen ohne Kontextualisierung dastehen, ist die Lage sehr prekär. Ich weiß nicht, warum man in der jüngsten Zeit den Bedarf empfunden hat, solche Menschen zu ehren. Ich kann es einfach nicht verstehen.
Auch aktuelle Debatten, etwa rund um den Baakenhafen und die Rolle von privaten Geldgeber:innen, zeigen die Widersprüche deutlich. Einerseits kämpfen Stimmen dafür, dass dort ein Erinnerungsort oder ein Bildungszentrum geschaffen wird, andererseits werden Projekte wie ein Opernhaus mit finanzieller Unterstützung von Akteur:innen durch die Stadt vorangetrieben, obwohl die Vermögensgeschichte dieser Akteur:innen selbst kontrovers diskutiert wird.
Bis etwa 2023 hatte ich den Eindruck, dass das Bewusstsein für diese postkolonialen Themen wächst und diese stärker in den Fokus rücken. In den letzten zwei Jahren habe ich jedoch eher das Gefühl, dass sich diese Entwicklung wieder zurückbewegt. Das empfinde ich als sehr bedauerlich. Ich halte es für unverantwortlich, dass trotz anhaltender Kritik bestimmte Entscheidungen getroffen werden und Strukturen bestehen bleiben, ohne dass eine offene und breite Diskussion darüber geführt wirdhtig.
An was machen Sie diese Beobachtung fest? Gab es ein bestimmtes Ereignis?
Ich würde das gar nicht strikt auf das Jahr 2023 festlegen, sondern eher allgemein von den letzten zwei Jahren sprechen. In dieser Zeit gab es zunächst viele Projekte – ich habe selbst an einem Projekt zur kolonialen Geschichte Hamburgs mitarbeiten dürfen. Gleichzeitig lassen sich aber auch gegenläufige Entwicklungen beobachten.
Ein Beispiel ist die Debatte um die Forschungsstelle „Hamburgs (post-)koloniales Erbe“ an der Universität Hamburg, die eigentlich weiter hätte finanziert werden sollen. Trotz ihrer umfangreichen Arbeit und Bedeutung besteht sie heute nicht mehr. Das ist für mich ein deutliches Signal. Besonders kritisch sehe ich, dass es eine politische Kampagne aus der Bürgerschaft gab, die letztlich dazu beigetragen hat, diese Einrichtung zu schwächen oder zu beenden, so die Aussagen von Abgeordneten selbst. Dass diese Kampagne sogar offen als Erfolg dargestellt wurde, finde ich sehr bedauerlich.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: In ganz Hamburg gibt es institutionell betrachtet nur sehr wenige Stellen bei der Stadt, die sich explizit mit Kolonialismus, Dekolonisierung oder postkolonialen Themen befassen. Nach meinem Eindruck sind es im Wesentlichen zwei: meine eigene Stelle bei der Stiftung Historische Museen Hamburg und ein Referat in der Behörde für Kultur und Medien. Insgesamt steht das aber in keinem Verhältnis zur historischen Bedeutung Hamburgs als Handels- und Hafenstadt mit einer engen Verflechtung in koloniale Strukturen. Zudem sind diese Art Stellen oft befristet, was langfristige Arbeit erschwert. Auch wenn es – was ich ausdrücklich würdigen möchte – zahlreiche engagierte Personen und Initiativen gibt, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigen, bleibt die institutionelle Verankerung insgesamt zu schwach. Das halte ich für ein grundlegendes Problem.
Das ist ein interessanter Punkt. Wenn wir von den städtischen Stellen in den zivilgesellschaftlichen Bereich schauen, dann fallen einige Veränderungen auf. Jahrzehntelang haben Initiativen und Communities auf ehrenamtlicher Basis für das Thema gearbeitet. Nun gibt es die beiden Fachpromotorinnen für Dekolonisierung bei Ossara e.V. und seit diesem Jahr auch den Dachverband Hamburg Dekolonial, bei dem es feste entlohnte, wenn auch befristete Stellen gibt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Ja, es gibt diese Projektstellen. Das finde ich sehr gut. Als ich in Hamburg angefangen hatte zu arbeiten, habe ich nämlich gemerkt, dass genau so etwas gefehlt hat. Man musste immer direkt über die bestehenden Institutionen arbeiten, die dann teilweise versucht haben, auch die Zivilgesellschaft einzubinden – etwa über den Beirat zur Dekolonisierung der Stadt Hamburg und ähnliche Strukturen. Aber, soweit ich gehört habe, waren sie dabei oft nicht wirklich eigenständig, sondern mussten sich immer wieder mit Behörden abstimmen und an Absprachen halten, die aber nicht immer ihre Empfehlungen umgesetzt haben. Gerade deshalb fand ich die Idee eines Dachverbands sehr gut. Als ich zum ersten Mal von der Ausschreibung oder dieser Initiative gehört habe, habe ich das begrüßt. Und jetzt, wo es diesen Dachverband tatsächlich gibt, finde ich das sogar noch besser – weil man nun im Bündnis arbeiten kann.
Am Anfang habe ich mich allerdings gefragt, was genau die Aufgabe dieser neuen Stellen sein wird. Sie sollen ja die Arbeit koordinieren – aber womit genau? Ich hätte mir zum Beispiel mehr Mittel für konkrete Projekte gewünscht, also für Vorhaben, die zusätzlich zu den Stellen oder über den Verband selbst realisiert werden könnten. Vielleicht muss das aber noch ausgehandelt werden. Natürlich gibt es auch die Sorge, dass diese neuen Stellen nicht dauerhaft finanziert sind. Im Moment steht die Finanzierung erst einmal nur für das laufende Jahr.
Wenn ich mir die aktuellen Entwicklungen insgesamt anschaue – also der Dachverband steht; die Fachpromotorinnen sind eingesetzt; es gibt Senatsstrategien und ähnliche Initiativen – dann hat man eigentlich den Eindruck, dass es vorangeht. Gleichzeitig gibt es aber auch Entwicklungen, die gar nicht dazu passen. Die Debatte um den Baakenhafen und die Forschungsstelle sind nur zwei Beispiele davon. Es ist, als würde man etwas Großes aufbauen, und sobald man beim Dach angekommen ist, lässt man alles wieder fallen.
Ja, es scheint in Hamburg etwas zu geben, das anders funktioniert als in Berlin oder Hannover…
Es ist schwer zu fassen, aber ja, es wird etwas gemacht und gleichzeitig passiert etwas dagegen.
Wie sieht es im Bereich der Museen aus? Sie gestalten die neue Dauerausstellung im Museum für Hamburgische Geschichte mit und auch in den anderen Häusern passiert einiges zum Thema Kolonialismus. Wie bewerten Sie den Prozess?
Ja, ich arbeite im Museum, sitze gerade auch an der Abschlusspublikation des Projekts „Memory in Motion“. Darüber hinaus bin ich in verschiedene Aufgaben im Museumsbereich eingebunden, insbesondere im Museum für Hamburgische Geschichte. Dort wird aktuell die Dauerausstellung neu konzipiert. Zur Struktur der Ausstellung gehören vier zentrale Themenstränge, die sich durch alle Bereiche der Ausstellung ziehen: jüdisches Leben, Postkolonialismus, Migration sowie Stadt-Umwelt-Mensch.
Gemeinsam mit meinen Kolleginnen sorge ich dafür, dass postkoloniale Perspektiven wie bei den anderen Themensträngen auch in allen Bereichen berücksichtigt werden. Das betrifft sowohl die Auswahl der Exponate als auch die Gestaltung der Ausstellungstexte und die inhaltliche Vermittlung insgesamt. Außerdem tausche ich mich ab und zu mit Kolleginnen des Hafenmuseums im Aufbau aus. Das Thema Globalisierung ist dort von großer Bedeutung, da es eng mit historischen Prozessen wie Eroberung und Kolonialismus verknüpft ist und entsprechend in der Ausstellung behandelt wird.
Sind im Museum für Hamburgische Geschichte im Zuge der Neugestaltung vielleicht unerzählte, unerforschte Objekte aufgetaucht, die im Zusammenhang mit Kolonialismus oder auch mit dem Widerstand dagegen wichtige Geschichten erzählen oder andere Objekte, die in einem neuen Licht betrachtet werden können?
Grundsätzlich ist es so, dass wir Objekte nur in begrenztem Umfang besitzen, die mit dem Kolonialismus zusammenhängen. Es handelt sich um ein historisches Museum und nicht um ein ethnologisches. Daher verfügt insbesondere das Museum für Hamburgische Geschichte kaum über Objekte, die direkt aus den ehemaligen Kolonien stammen. Stattdessen umfasst die Sammlung viele sogenannte Rezeptionsobjekte. Dazu zählen beispielsweise Postkarten, Werbeplakate, Fotografien oder Darstellungen von Kolonialherren, die für Zwecke des Kolonialrevisionismus oder der kolonialen Propaganda eingesetzt wurden.
Diese Objekte nutzen wir, um historische Zusammenhänge kritisch einzuordnen und sichtbar zu machen. Darüber hinaus besitzen wir auch Fotografien, die gesellschaftliche Praktiken jener Zeit dokumentieren, etwa Aufnahmen von sogenannten „Völkerschauen“ oder ähnlichen Inszenierungen. Auch diese werden im Rahmen der Aufarbeitung und Vermittlung entsprechend berücksichtigt.ng.
Und können Sie bitte die Herausforderungen beschreiben, einerseits das Thema Kolonialismus in Hamburg anders als bisher oder teilweise auch erstmalig zu präsentieren, ohne gleichzeitig rassistische oder entmenschlichende Bilder, Objekte, Szenen zu wiederholen und noch einmal zu zeigen? Wie sieht Ihre Strategie diesbezüglich aus?
Die zentrale Herausforderung besteht darin, solche Darstellungen angemessen zu kontextualisieren, ohne die darin enthaltene Problematik selbst zu reproduzieren. Gemeinsam im Team diskutieren wir regelmäßig mögliche Herangehensweisen und kuratorische Entscheidungen. Wir schauen uns Best-Practice in anderen Fällen an, diskutieren mit externen Expertinnen. Ein konkretes Beispiel ist das Gemälde mit dem Titel „Die musizierende Gesellschaft“ vom niederländischen Maler Johannes Voorhout, das bereits in der bisherigen Ausstellung gezeigt wurde und vielfach kritisiert worden ist. Ein Schwarzes Kind ist darauf in einer Art und Weise dargestellt, die wir heute als rassistisch interpretieren können. Gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass es nur wenige Gemälde gibt, auf denen Schwarze Personen dargestellt sind. Diese Perspektiven sollten jedoch ebenfalls sichtbar gemacht werden, damit nicht der Eindruck entsteht, die damalige Gesellschaft habe ausschließlich aus weißen Menschen bestanden. So bietet das Werk auch die Möglichkeit, über die Lebensrealität und die gesellschaftliche Position eines Schwarzen Kindes zu sprechen. Genau hier stellt sich die Frage, wie wir mit solchen Darstellungen verantwortungsvoll umgehen.
Aktuell diskutieren wir intensiv, wie es präsentiert werden kann. Ein erster Ansatz ist, das Werk mit einem deutlichen Hinweis zu versehen, sodass Besucherinnen selbst entscheiden können, ob sie es sehen möchten. Darüber hinaus ist es uns wichtig, den historischen Kontext ausführlich zu erläutern: Wer hat das Bild geschaffen? In welchem Zusammenhang ist es entstanden? Welche Aussagen transportiert es über die damalige Zeit? Gleichzeitig wollen wir auch heutige Perspektiven einbeziehen und externen Stimmen Raum geben, um unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven auf das Werk darzustellen. Solche Fragestellungen begegnen uns immer wieder, und wir müssen für jeden einzelnen Fall sorgfältig abwägen, wie eine verantwortungsvolle Präsentation aussehen kann.
Okay, klingt spannend. Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Ich wünsche mir vor allem, dass das Thema Kolonialismus als wichtig und notwendig anerkannt wird und nicht lediglich als Randthema gilt, über das nur gelegentlich gesprochen wird. Wie bereits erwähnt, gibt es in diesem Bereich vergleichsweise wenige Stellen und Möglichkeiten, während andere Themen deutlich stärker vertreten sind. Deshalb halte ich es für entscheidend, dass dem Thema mehr Ernsthaftigkeit entgegengebracht wird. Es ist keineswegs schädlich für die Gesellschaft, sich damit auseinanderzusetzen – im Gegenteil: Es kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Außerdem sollte das Thema nicht ausschließlich als Teil der Vergangenheit betrachtet werden. Seine Auswirkungen sind bis heute spürbar, etwa in Form von Diskriminierung und Rassismus, die sich in vielen Bereichen des Alltags zeigen. Diese Kontinuitäten machen deutlich, wie relevant eine dauerhafte Auseinandersetzung ist.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die stärkere Förderung zivilgesellschaftlicher Projekte. Aufarbeitung findet nicht nur in Institutionen statt, sondern auch an vielen anderen Orten. Wenn ich an Erinnerungsorte denke, meine ich auch Menschen und Initiativen, die seit Jahren Bildungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Auch sie tragen dazu bei, Erinnerung lebendig zu halten. Damit dies weiterhin möglich ist, sollten solche Projekte stärker unterstützt und langfristig gefördert werden.
Zudem stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen diese Themen in den Institutionen wie Schule oder Museum am besten vermittelt werden können und wer daran beteiligt ist. Es gibt Menschen, die bereits über ein gewisses kolonialkritisches Vorwissen verfügen, andere nähern sich dem Thema erst durch persönliche Erfahrungen. Wieder andere müssen sich grundlegende Kenntnisse erst erarbeiten. Gleichzeitig ist die Repräsentation von Menschen mit Rassismuserfahrung in vielen Kontexten noch unzureichend. Häufig sind in größeren Gruppen in Institutionen nur sehr wenige Menschen mit postkolonialen Perspektiven vertreten. In solchen Situationen kann die Vermittlungsarbeit mühsam sein, insbesondere wenn grundlegende Zusammenhänge erst ausführlich erklärt werden müssen.
Menschen, die selbst betroffen sind, nehmen viele Aspekte anders wahr als diejenigen, die nicht direkt betroffen sind. Diese Unterschiede in der Wahrnehmung spielen auch in anderen Themenfeldern eine wichtige Rolle. Das bedeutet jedoch nicht, dass beispielsweise ausschließlich Betroffene von Rassismus zu diesen Themen arbeiten sollten. Vielmehr wäre es wünschenswert, ihre Perspektiven stärker einzubeziehen und ihre Präsenz zu erhöhen. Auch in der Bildungsarbeit, etwa mit Schulklassen, ist dies von großer Bedeutung. Häufig werden bestimmte Erfahrungen verharmlost, relativiert oder als bloße Empfindlichkeiten dargestellt. Zudem muss oft viel Zeit darauf verwendet werden, grundlegende Begriffe und Zusammenhänge zu erklären. Das zeigt, wie viel Arbeit noch notwendig ist, damit das Thema in seiner Tiefe verstanden wirdn.
Dieses Interview wurde 2026 finanziell von der Landeszentrale für politische Bildung Hamburg gefördert.
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